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Carlos Pérez spielt Lauro und Brouwer

Von Peter Päffgen [Peter@Gitarre-und-Laute.de]

Dos Conciertos Latinoamericanos
Antonio Lauro – Leo Brouwer
Carlos Pérez, Guitarra, Orquesta de la Universidad de Santigo de Chile, Alejandra Urrutia
Aufgenommen im November 2011 (Brouwer) und Januar 2012 (Lauro), erschienen 2012
Prodimus PDM 1070
… souverän! …

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Die beiden Konzerte, die Carlos Pérez hier eingespielt hat, hört man nicht oft. Vor allem das Concierto Nº 1 para guitarra y orquesta von Antonio Lauro wird selten gespielt – aber auch das Concierto Elegíaco von Leo Brouwer, 1986 geschrieben und im Juli 1987 vom Widmungsträger Julian Bream zusammen mit dem RCA-Victor-Chamber Orchestra unter Leo Brouwer eingespielt, steht selten auf den Konzertprogrammen. Von dem Lauro-Konzert soll die vorliegende Einspielung von Carlos Pérez sogar erst die zweite überhaupt sein, so schreibt der exzellente Kenner der Materie Alejandro Bruzual aus Caracas. Es ist die dritte – man verzeih mir diese kleinliche Korrektur! Alirio Díaz hat das Konzert als Erster aufgenommen (Vanedisco VD 2138), dann aber auch noch Miloslav Matousek auf Panton 8111 0318. Es stammt schon aus dem Jahr 1956, ist im gleichen Jahr vom Komponisten als Solist uraufgeführt worden und Alirio Díaz gewidmet.

Es ist erstaunlich, dass das Konzert von Antonio Lauro (1917—1986) eine nur so geringe Akzeptanz gefunden hat, wo doch die Solowerke des Komponisten eine Zeitlang zu den populärsten lateinamerikanischen Schmankerln überhaupt gehört haben. Wenn ich an „Seis por derecho“ denke oder an „El Marabino“, dann sind sie in den achtziger Jahren nicht nur als Zugaben fast überstrapaziert worden. Aber das Konzert?

Nun, Grund für die Vernachlässigung wird sein, dass Veranstalter und Dirigenten sagen: „Wenn wir schon ein Konzert für Gitarre und Orchester ins Programm nehmen, dann muss es eines sein, das die Leute kennen.“ Und welches Konzert kennen die Konzertbesucher? Richtig! Entweder wird das völlig abgenudelte D-Dur-Konzert von Vivaldi vorgeführt, das ich selbst schon bei meiner Abiturfeier gespielt habe und das zudem nicht einmal ein echtes Gitarrenkonzert ist, oder es wird das „Concierto de Aranjuez“ gegeben. Das ist schön und erfolgreich … aber zu bekannt.

Dabei hat das  Concierto Nº 1 para guitarra y orquesta von Antonio Lauro viel zu bieten! (Ein Concierto Nº 2 von Lauro gibt es übrigens nicht!) Nicht nur einen dritten Satz (Marisela), der mit seinen ausgelassenen synkopierten Rhythmen, pure Lebensfreude ausstrahlt. Mariselas werden wie der Joropo traditionell auf der diatonischen arpa llanera gespielt, der Bandola, dem Cuatro und mit den typischen Maracas rhythmisch begleitet. Die arpa llanera, die Harfe der Bauern der venezolanischen Llanos, hört man in diesem Satz quasi, und lernt, warum Arpeggien so und nicht anders genannt werden.

Bolera, der erste Satz, und Madrigal, der zweite, sind weitere Belege für Antonio Lauros Verbundenheit mit seiner Heimat Venezuela insgesamt, und mit der afrovenezolanischen Kultur im Besonderen.

Leo Brouwers Concierto Elegíaco spiegelt wider, wie vielfältig sein stilistisches Repertoire ist – gleichzeitig, dass er sich bisher auf keine Richtung festlegen wollte. Wir kennen ja neben des Meisters Solokonzerten sein Repertoire für Gitarre solo und wir wissen, wie weit die Stücke sich stilistisch unterscheiden. Nehmen wir zum Beispiel „Elogio de la Danza“ von 1964 und „La Espiral Eterna“ von 1971, dann mag man kaum annehmen, dass beide Stücke von demselben Komponisten stammen. Etliche Jahre später hat Brouwer auch minimalistische Stücke geschrieben, die wir in Erinnerung haben … in sehr guter Erinnerung sogar, wenn ich an die verschiedenen kubanischen Landschaften erinnern darf. Da werden die unterschiedlichen Verfahren und Techniken der Minimalisten außerordentlich geschickt angewandt.

Brouwer ist auch, was sein Concierto Elegíaco angeht, eine klare Stellungnahme in Sachen Stil schuldig geblieben … und das ist – notabene – eher positiv als anklagend gemeint. Einen ersten Satz hören wir da, in dem sich eine ständig geforderte Sologitarre gegen eine dramatische, fast schwulstige Orchesterlandschaft zu behaupten versucht. Brouwer-typisch ist dabei, dass das Orchester durch einiges an Schlagwerk klanglich verstärkt ist, und dieses Schlagwerk spielt eine Rolle im musikalischen Gefüge.

Der zweite Satz, „Interlude“ ist sehr zurückhaltend, sehr ruhig. Die Gitarre fabuliert vor sich, erzählt  fast improvisatorisch … bis mit einem Schlag das Finale (Toccata) beginnt. Gerade in diesem Satz wirkt das Schlagwerk nicht nur an der rhythmischen Gestaltung mit, sondern ist stellenweise melodiegebend. Der Solist wird immer wieder ernsthaft gefordert, ein großes quirliges Spektakel spielt sich ab, hie exotisch bunt, da virtuos, kleinphrasig brodelnd und zwischendurch gesanglich, lyrisch. Die Toccata ist ein insgesamt aufgeregter und aufregender Höhepunkt des Konzertes.

Carlos Pérez hat eine gute Wahl getroffen mit diesen beiden Konzerten und er spielt die Rolle des Solisten souverän. Den virtuosen Part füllt er aus und den lyrisch gesanglichen und ist dabei immer Herr im Ring, bestimmend. Beide Konzerte sind von Gitarristen geschrieben worden, das heißt also, dass ihre Komponisten sehr wohl gewusst haben, was sie dem Soloinstrument zumuten und wie sie es ins rechte Licht rücken konnten, und natürlich merkt und hört man das!

Das Orchester der Universität von Santiago de Chile ist mit den beiden Werken weitaus weniger souverän umgegangen, als der Solist, und das lag nicht an Alexandra Urrutia, der Dirigentin. Allen Beteiligten muss man aber dankbar sein, dass  die beiden Konzerte wieder einmal auf die Bühne gebracht worden sind. Der Versuch, das  Konzert von Antonio Lauro aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, ist dabei besonders erwähnenswert!
Link auf YouTube: Einen Film zum Making-of der CD mit Carlos Pérez findet man bei YouTube (Upload am 03.06.2012):

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