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Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich

Stefan Hackl, Die Gitarre in Österreich: Von Abate Costa bis Zykan. Innsbruck u.a., Studien Verlag, 2011, ISBN 978—3-7065-4980-6, €34,90

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1970 wurde an der Yale University in New Haven/Connecticut ein Kandidat aufgrund seiner Dissertation mit folgendem Titel zum Doctor of Philosophy promoviert: „The Birth of the Classic Guitar and its Cultivation in Vienna, reflected in the Career and Compositions of Mauro Giuliani (d. 1829)“. Diese bahnbrechende Arbeit gab der Forschung rund um Gitarre und Gitarrenmusik des 19. Jahrhunderts wesentliche neue Impulse und sie befasste sich mit so etwas wie dem Beginn nordeuropäischer Akzeptanz, was die Gitarre anging. Die „neue“ Gitarre mit sechs einzelnen Saiten, gerade ein paar Jahre vor der Jahrhundertwende erfunden, gewann um 1800 in Ländern große Popularität, in denen ihre Vorgängerinnen, die fünfchörige „Barockgitarre“ zum Beispiel und deren um einen Chor erweiterte Variante, keine Rolle gespielt hatten … ja, wo sie sogar verpönt waren.

Zum Beispiel in Österreich: Thomas F. Heck, der Autor der genannten Dissertation von 1970, nennt Wien schon im Titel seines Werks als einen Ort, an dem die neue Gitarre entwickelt worden ist. Aber Wien war damals Hauptstadt der „Donaumonarchie“ – bestehend aus Österreich, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Kroatien und anderen Regionen. Dort, im Habsburger-Reich, waren die älteren, chörigen Gitarren auch vor 1800 schon durchaus in Benutz gewesen. Stefan Hackl nennt  den Böhmen Johann Anton Losy (ca. 1643—1721), dessen Name man nicht nur durch Karl Scheits Ausgabe einer Partita für Barockgitarre (UE 12102) kennt, sondern durch das „Tombeau sur la mort de M. Comte de Logy“, das Silvius Lopold Weiss ihm gewidmet hat. Und er erwähnt die „Ausseer Tabulatur“, die Josef Klima auszugsweise ediert hat, und ein paar andere Handschriften, auch zwei fünfchörige Gitarren, die sich im Nachlass des Hoflautenisten Bohr von Bohrenfels befunden haben … aber all das sind Marginalien. Die Gitarrengeschichte Österreichs, und schon gar die des heutigen Österreich, begann Anfang des 19. Jahrhunderts!

Aber Stefan Hackl meint, in der Geschichte fänden sich sehr wohl „einige wesentliche Beiträge [für die Entwicklung der klassischen Gitarre]: in der Lautenmusik des 16. bis 18. Jahrhunderts“ [S. 7]. Er behandelt dann – kurz aber immerhin doch – Hans Newsidler und seine Söhne und natürlich Hans Judenkünig, dessen „Underweisung“ immerhin 1523 in Wien erschienen ist [S. 12]. Newsidler kam aus Pressburg, heute Bratislava, war also, wenn man Österreich imperial begreift, „österreichischer Lautenist“. Aber er war Lautenist und die Tatsache, dass „die Aneignung des Repertoires historischer Zupfinstrumente gerade in Österreich eine wichtige Rolle spielte“ [S. 7], macht, was auch immer Stefan Hackl damit andeuten will, aus der Laute keine Gitarre.

Schließlich wird das Wiener Lautenkonzert gewürdigt (von Radolt, Lauffensteiner, Kohaut), eine musikalisch-kulinarische Laune des 18. Jahrhunderts. All das ist mehr als erwähnenswert aber: Hier geht es um „Die Gitarre in Österreich“ und deren Geschichte begann 1800!

Und da, gegen 1800, beginnt auch Stefan Hackls Buch. Hier [ab Seite 26] schöpft er aus dem Vollen, hier ist er zuhause. Der soziokulturelle Hintergrund der Gitarrenblüte wird hinterleuchtet, der Zusammenhang von Biedermeier und Virtuosenkult und auch die Mode, die Gitarre als Begleitinstrument mit nach draußen zu nahmen. Auf den Kahlenberg zum Beispiel … zugegeben, der wird nicht erwähnt, aber wer kann sich gitarrebegleitete Lieder in dem wunderbaren Heurigen da oben nicht vorstellen?

Es geht weiter mit dem Verlagswesen in Wien, mit den Publikationen und mit den Auflagen. Beschrieben werden Skurrilitäten wie der Virtuose Eduard Pique, der „nur auf der höchsten und tiefsten Saite spielte, die anderen aber lockerte“ [S. 37] und die verschiedenen Gitarrenschulen, die in Wien herauskamen, darunter natürlich der „Versuch einer vollständigen methodischen Anleitung zum Guitarre-spielen“ von Simon Molitor und Wilhelm Klingenbrunner (aka R. Klinger), für dessen Wiederentdeckung und Veröffentlichung im Jahr 2008 Stefan Hackl verantwortlich zeichnet, und die „Theoretisch-practische Guitar-Schule“ von Johann Padowetz aus Varaždin (heute Kroatien). Komponisten? Voilà: Alois (Louis) Wolf (1775—1819), Leonard de Call (1767—1815), Franz Tandler (1782—1807), Andreas Traeg (1748—nach 1807), Simon Molitor (1766—1843), Wilhelm Klingenbrunner (1782—1850), Wenzel Thomas Matiegka (1773—1830) Anton Diablli (1781—1858), Matteo Bevillacqua (1772—1849), Bartolomeo Bortolazzi (1772–?), Mauro Giuliani (1781—1829) … und das sind nur die besten und die bekanntesten! Stefan Hackl blättert auf und hat zu jedem Namen etwas zu erzählen. Mit Johann Kaspar (oder Caspar Joseph) Mertz (1806—1856) erlebte „die mehr und mehr im Rückgang befindliche Wiener Gitarrenkultur noch einmal einen Höhepunkt“ [S. 71].

Natürlich würdigt der Autor die „Wiener Schule des Gitarrenbaus“: Die Handwerkskunst von Johann Georg, Johann Anton Stauffer und ihren Schülern hat weltweit Anerkennung gefunden … und doch: Die Gitarrenbegeisterung, wie sie sich um 1800 in Wien und anderswo entwickelt hatte, sie verflog so schnell wieder, wie sie sich entwickelt hatte. Das nächste Kapitel in Stefan Hackls Buch ist überschrieben mit: Die Renaissance der Gitarre im 20. Jahrhundert … was zweierlei andeutet: 1. Die Gitarre spielte gegen 1900 keine nennenswerte Rolle im mitteleuropäischen Musikleben mehr und 2. Sie wurde wiedergeboren. Hackl schränkt zwar ein, wenn er schreibt, dass es in Spanien, England und Russland durchaus noch „relativ reges gitarristisches Leben“ [S. 95] gegeben hat, er betont aber auch, dass der „Rückgang der gitarristischen Kultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts […] überall [!] festzustellen“ war.

Die Renaissance der Gitarre war ein internationales Phänomen“ [S. 95], aber natürlich schildert Hackl ausschließlich die Wiedergeburt in Österreich. Beispielsweise gab es in Wien bald wieder Aktivitäten, und die gründeten, so Hackl, auf „den Einflüssen der deutschen Wandervogelbewegung und der spanischen Virtuosen einerseits und dem theoretischen Unterbau durch die junge österreichische Musikwissenschaft andererseits.“ [S. 95] Die spanischen Virtuosen, gemeint sind Llobet (1924), Segovia (1924) und Pujol (1927) traten in den zwanziger Jahren zum ersten Mal in Wien auf, aber vorher spielte schon Heinrich Albert (1920 und 1921). Früher schon, 1919, „wurde mit der Verpflichtung Jakob Ortners erstmals rein praktischer Unterricht [im Fach Gitarre an der k.k. Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst, heute Musikuniversität, Wien] eingeführt.“ [S. 137/138] Dessen (sc. Jakob Ortners) Position wurde 1924 durch den Professorentitel aufgewertet, „und damit der erste akademische Lehrstuhl für Gitarre weltweit geschaffen.“[S. 139] Karl Scheit wurde sein Schüler und, nach dem Weltkrieg, sein Nachfolger.

Der zweite Weltkrieg oder, besser gesagt, die Zeit der NS-Herrschaft, teilt das 20. Jahrhundert für jeden Historiographen in ein „Vorher“ und ein grundsätzlich verändertes „Nachher“. Was die Musikgeschichtsschreibung angeht, befasst sie sich für die Zeit zwischen 1933 und 1945 weniger mit ihrem eigentlichen Betrachtungsgegenstand, der Musik, als vielmehr mit den Fragen, wie weit sie politisiert worden ist und wie Beteiligte mit dem System umgegangen sind. Die klassische Gitarre jedenfalls hatte erwartungsgemäß im „Kulturverständnis der Nationalsozialisten keinen Platz“ [S. 207] und so wurde Jakob Ortner schon 1938 in den Ruhestand versetzt. „Karl Scheit aber konnte seine Position festigen und Luise Walker nach einem Vorspiel bei Wilhelm Furtwängler einen ersten Vertrag erhalten.“ [S. 141] Stefan Hackl berichtet von NS-Sympathisanten in der Wiener Gitarristenschar wie Sepp Bacher, Emil Winkler und Hubert Zanoskar, die „in den nationalsozialistischen Dunstkreis geraten waren, [und später] mit Berufsverbot schwer dafür bezahlen“ mussten. [S. 142] Ob die „ausgeprägte Rivalität [zwischen Luise Walker (1910—1998) und Karl Scheit (1909—1993)], die auch die Generation ihrer Schüler noch lange prägte“ [S. 180] mit Geschehnissen während der NS-Zeit zusammenhingen, wie man in Wiener Gitarristenkreisen gelegentlich hörte, mit dieser Frage befasst sich Stefan Hackl nicht, er meint aber: „Die Gründe [für die Rivalität] sind aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen.“ [S. 180]

Das vorliegende Buch ist prall gefüllt mit Informationen und Geschichten – solchen über große Musik und Musiker, aber auch einigen, in denen das Leben in der Provinz geschildert wird. Unter ihnen findet man gelegentlich Berichte, denen Provinzialität anhaftet, ja fast schon Indiskretion. An solchen Stellen wünscht man sich, der Autor hätte die Geschichte der Gitarre in Österreich weitergehend in ihr europäisches Umfeld eingebettet, anstatt sie mit detailgenauen Berichten aus der österreichischen Provinz anzureichern.

Wer aber über genau das informiert werden möchte, was der Titel des mehr als lesenswerten Buchs von Stefan Hackl verspricht, über die Gitarre in Österreich von Abate Costa bis Zykan nämlich, der muss dieses Buch lesen. Es gibt nichts besseres!

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