Legendary Classical Guitar Solos

Von Peter Päffgen [Peter@Gitarre-und-Laute.de]

Jerry Willard (Hrsg.): Legendary Classical Guitar Solos, London u.a., Wise Publications (MusicSales) 2010, ca. € 50—55

Jerry Willard (Hrsg.): The Complete Works of Gaspar Sanz, transcribed and edited by Jerry Willard [jerry willard], 2 Bde in Schuber, 2 Audio-CDs beiliegend, New York u.a., Amsco Publications (MusicSales) 2006, GB-£ 19,95

Ders. (Hrsg.): Early Renaissance Pieces for Classical Guitar, compiled and edited by Jerry Willard: A superb collection of delightful music of the Renaissance, arranged in standard notation and tablature, Audio-CD aller Stücke enthalten. New York u.a., Amsco Publication (MusicSales) 2010, GB-£ 12,95

Referenz: Gaspar Sanz, Instrucción de musica sobre la Guitarra Española, hrsg. v. Rodrigo de Zayas, Madrid 1985. Reihe: Colección Opera Omnia

Jerry Willard ist ein erfahrener Lautenist, Gitarrist und Herausgeber von Musik für seine Instrumente. Verschiedene Anthologien aus seiner Feder sind weltweit im Umlauf – zwei davon stehen heute auf dem Prüfstand. Aber Jerry hat sich auch als Interpret einen Namen gemacht und als Herausgeber größerer wissenschaftlicher (?) Ausgaben. Ist es jetzt verdächtig, dass ein und derselbe Herausgeber eine “Gesamtausgabe” der Werke von Gaspar Sanz (1640—1710) herausgibt – und gleichzeitig eine Sammlung bekanntester Stücke für Laute und zwar in Notation … und in „moderner“ Tabulatur?

Die Sanz-Ausgabe enthält (englische) Übersetzungen einer Auswahl der Texte des Buches von 1674, daneben alle dort veröffentlichten Stücke in a. der originalen Tabulatur und b. einer Übertragung im Violinschlüssel-System … und zwar beide in synoptischer Darstellung. Die hat sich für Ausgaben dieser Art durchgesetzt, und zwar hauptsächlich für wissenschaftliche Editionen. Das direkte Nebeneinander von Tabulaturen und Übertragungen, die, so präzise und werkgetreu sie auch angefertigt worden sein mögen, immer Interpretationen der überlieferten Quellen darstellen, erlaubt den Vergleich, der besonders in strittigen Fragen hilfreich sein kann.

Im zweiten Band der Sanz-Ausgabe stehen Übertragungen für klassische Gitarre, alle mit Fingersätzen und einem Bündel anderer Aufführungszeichen.Was die Sanz-Ausgabe vom „normalen“ editorischen Standard von Gesamtausgaben unterscheidet, ist zum Beispiel das Fehlen eines kritischen Berichtes. Wir müssen bedenken, dass die „Instrucción de musica sobre la Guitarra Española“ von Gaspar Sanz zwischen 1674 und 1697 in verschiedenen Auflagen herausgekommen ist und dass diese Auflagen vom Notentext her nicht identisch sind. Der Herausgeber einer kritischen Gesamtausgabe hätte die unterschiedlichen Versionen verglichen und die beste Version herauszufinden versucht. In einer wissenschaftlichen Ausgabe wären beide Texte abgedruckt worden: die originalsprachigen (hier spanischen) und eventuell ihre Übersetzungen. Die Zielsetzung von kritischen Ausgaben ist aber nicht das Aufbereiten des Überlieferten für die Musikpraxis, sondern ausschließlich das Sichern der Quellen ohne jegliche weiterführende Interpretation. Schon die Tatsache, dass Jerry Willard in seine Sanz-Ausgabe nicht sämtliche Texte der originalen Ausgabe aufgenommen hat, sondern nur eine Auswahl und das nur in Übersetzung, zeigt, wie die Edition einzuordnen ist. Es ist eine praktische Ausgabe, keine wissenschaftliche Gesamtausgabe … aber irgendwelche anderen Ambitionen gibt sie auch nicht vor – außer vielleicht der Tatsache, dass sie „The Complete Works of Gaspar Sanz“ heißt.

In Band 1 der Ausgabe stehen, wie beschrieben, die Tabulaturen mit unkommentierten Übertragungen … und zwar zunächst die Stücke, die in Alfabeto überliefert sind und dann die in der für Sanz eigentlich üblichen Mischtabulatur. Was Jerry Willard bei den Alfabeto-Stücken völlig außer acht gelassen hat, ist die Tatsache, dass da neben der Akkordfolge auch ein wesentliches aufführungspraktisches Detail notiert war: Die Antwort nämlich auf die Frage, ob Akkorde beginnend mit dem tiefsten oder dem höchsten Ton durchgestrichen werden sollen. In der unter den Übertragungen stehenden Tabulaturen (s. Abbildung unten) sind diese Notationsdetails wiedergegeben, aber dafür müssen die Benutzer der Ausgabe sie verstehen. In einer früheren Sanz-Ausgabe von Rodrigo de Zayas ist dieses Darstellungsproblem anders gelöst worden.

Abbildungen: links: Anfangstakte der Passacalles von Gaspar Sanz, Ausgabe Sanz/Willard/Bd. 1/S. 28
recht: gleiche Passage in der Ausgabe von Rodrigo de Zayas. Er hat zwar die Anschlagsrichtung (aufwärts/abwärts) durch eigene Zeichen notiert, allerdings unerklärlicherweise die Alfabeto-Tabulatur in italienische Zahlentabulatur übertragen.

Hier sind Anschlagsrichtungen unmissverständlich durch Sonderzeichen (Pfeile) notiert (s. Abbildung), Rodrigo de Zayas hat allerdings die Alfabeto-Tabulatur in “italienische” Tabulatur übertragen, was heute auf keinerlei Verständnis stoßen kann. Aber die Alfabeto-Stücke sind bisher immer diejenigen gewesen, die in Ausgaben und von Interpreten vernachlässigt worden sind – verhängnisvoll eigentlich, denn der weitaus größere Teil des überlieferten Repertoires für Barockgitarre war im Alfabeto notiert. Diese Stücke waren ein sehr wesentlicher Bestandteil des Repertoires – die heutigen Interpreten sind allerdings bisher nicht in der Lage, den Stücken Leben einzuhauchen.

Jerry Willard hat kommentarlos den Tonumfang der Barockgitarre erheblich erweitert, indem er eine moderne Gitarre für seine Transkriptionen vorausgesetzt und „Bassnoten“ oktaviert hat. Diesen Fehler hat Rodrigo de Zayas nicht gemacht, wie in der Abbildung zu sehen ist.

Auf den beiden beiliegenden CD bei Willard/sanz gibt es eine Auswahl der Stücke aus den Ausgabenbänden a. auf einer Barockgitarre und b. auf einer modernen Gitarre eingespielt. Die Barockgitarre klingt scheußlich metallen, die moderne Gitarre ähnlich unattraktiv – aber gut, es sollen schließlich keine Audio-CDs sein, sondern nur Demonstrationsmedien. Aber hätte man da nicht vielleicht ein wenig von dem Zauber andeuten können, den der Klang einer Barockgitarre verbreitet? Bezeichnenderweise sind übrigens auf der Barockgitarren-CD keine Stücke aus dem Fundus der in Alfabeto notierten Stücke aufgenommen. Die CDs enthalten jeweils rund 20 Minuten Musik, man hätte also ihren Inhalt ohne Schwierigkeit auf einer einzelnen CD unterbringen können.

Meine Freude über die Sanz-Ausgabe von Jerry Willart ist geteilt. Man hätte bei dem großen Aufwand, der hier betrieben worden ist, viel mehr erreichen können … und man hätte Fehler und Peinlichkeiten vermeiden können. Es ist so, dass heute weder Wissenschaftler noch Interpreten wirklich wissen, wie sie mit den Stücken für Barockgitarre umzugehen haben. Bitte bedenken Sie: Die Barockgitarren-Spieler waren höchst angesehene Musiker, sie wurden von Königen geschätzt und favorisiert…heute wird seit Andrés Segovia (de Visée) oder Narciso Yepes (Sanz) eine Handvoll ihrer Stücke ihres intimen, königlichen Glanzes beraubt und immer wieder auf’s neue herausgegeben und modernisiert (sprich: simplifiziert).

Die Ausgabe von Jerry Willard mit leichten (Lauten-) Stücken der Renaissance ist eine der üblichen Anthologien mit überwiegend englischen Kompositionen zwischen John Dowland und Henry VIII. (oder umgekehrt ?). Die Stücke sind – und das ist mein Problem! – aus einer Tabulatur übertragen, um dann wieder in eine andersartige Tabulatur chiffriert zu werden. Dabei können Fehler entstehen – außerdem wird so ein musikalischer Analphabetismus gefördert, dem es eigentlich zu begegnen gilt. Aber diese Ausgabe ist nicht die, um die es heute geht.

Der Ausgabe „Legendary Classical Guitar Solos“ gilt heute meine besondere Aufmerksamkeit. Um sie geht es und sie fällt in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen dessen, was man so an Sammelausgaben kennt.Sie ist nicht in die üblichen bunten Pappdeckel gebunden, die wir von Hunderten oder Tausenden von Editionen kennen, sondern in schweres Kunstleder. Außerdem enthält sie nicht nur gemeinfreies Material, sondern zahlreiche urheberrechtlich geschützte Kompositionen von Manuel de Falla bis Leo Brouwer. Noch mehr Superlative: Fadenheftung, Lesebändchen, komplett neu gestochen und nicht aus eventuellen älteren Ausgaben zuzsammeneklaubt. Das ist so schon etwas besonderes!

Und was gibt es? Sie finden “Homenaje” auf den Tod von Debussy von de Falla (sonst nie in Sammelausgaben), Sie finden die “Cavatina” von Stanley Myers (oder doch von John Williams?) oder Stücke wie “Un Dia de Noviembre” von Leo Brouwer. Super! Und all das steht in einem Buch, das für die opulente Ausstattung nicht einmal wirklich teuer ist: Es sind rund zweihundertfünfzig Seiten mit Stücken, die man jedem anbieten kann! Ein paar Kompositionen von Francisco Tárrega, ein paar von Sanz (!!, s.o.), die Mozart-Variationen von Sor (MIT der Introduktion) und viele andere Standards, die Jerry allerdings auch vorher schon herausgegeben hat. Aber ist dagegen etwas zu sagen?

Es ist wie immer! In dieser Ausgabe finden sich viele Stücke, die man gut gebrauchen kann. Aber die, die man gerade sucht, stehen nicht d’rin. Und ist es nicht so, dass, wenn man die “Sonata Giocosa” von Joaquín Rodrio spielen möchte, schließlich doch die Ur-Ausgabe bei Chester Music in der Hand haben möchte? Oder wenn man die bemerkenswerte “Sonatina op. 51″ von Lennox Berkeley (auch sie ist in der Ausgabe enthalten!) erarbeiten will, auch die Erstausgabe konsultieren will? Bei allem Verständnis für Sparsamkeit — aber die originalen Ausgaben sind selten zu ersetzen!

Die vorliegende Ausgabe ist mehr als bemerkenswert. Sie ist eine willkommene Sammlung höchst anspruchvollen Spielmaterials für die Profis von Übermorgen – die von morgen haben längst andere Ausgaben. Aber sie macht was her, diese Ausgabe, sie ist das ideale Geschenk für die Enkelkinder, die so wunderbar Gitarre spielen und das vielleicht auch studieren wollen. Aber ersetzen wird diese Ausgabe nichts! Dass übrigens Stücke hier abgedruckt werden, die man sonst nicht in Sammelbänden findet, liegt daran, dass zur Unternehmensgruppe MusicSales viele der Rechtsinhaber gehören … darunter Chester/Novello oder Union Musical Ediciones (früher Union Musical Española).

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