Moreno Torroba ohne Gitarre?

Von Markus Grohen [MarkusG@Gitarre-und-Laute.de]

Jeder Spanienurlauber weiß, wenn er nicht gerade als Ballermann- oder All-inclusive-Tourist reist, was eine Zarzuela ist. Ein Fischgericht nämlich, bei dem verschiedene Fischsorten zusammen mit Knoblauch und Gemüsen angebraten und dann in Wein gegart werden. Eine Zarzuela ist kein preiswertes Gericht, sondern ein eher anspruchsvolles, zu dem man Wein und keine Sangria oder ähnliche alemannisch-touristischen Getränke zu sich nimmt.

Wenn wir hier und jetzt von Zarzuelas sprechen, dann finden wir sie nicht auf Speisenkarten, sondern eher in Programmheften von Opernhäusern … und doch, genau hier beginnt das Problem. Schaut man in die musikalische und auch die musikwissenschaftliche Fachliteratur, dann findet man das Stichwort „Zarzuela“ dort durchaus, und zwar als Bezeichnung für eine Art „spanischer Operette“ … aber in Programmheften findet man den Terminus nicht mehr. Gut, mag man jetzt sagen, die „klassische“ Operette wird hierzulande ja auch noch höchsten in Altenstifts aufgeführt und dort mit Interpretinnen und Interpreten, die schon bei den Uraufführungen dabei gewesen sein könnten. Stimmt alles … aber jetzt kommt Placido Domingo [!] und bringt die Zarzuela zu neuer Blüte. Nicht im Stadttheater von Cádiz oder Pamplona, sondern bei den Salzburger Festspielen. Voilà:

Amor, vida de mi vida
Zarzuelas with Placido Domingo and Ana María Martínez
Mozarteum Orchester Salzburg, Jesús López Cobos
DVD medici arts (in Deutschland bei NAXOS) 20724768

Federico Moreno Torroba: Luisa Fernanda
Jesús López Cobos,Coro y orchesta Titular del Teatro Real, Plácido Domingo u.a.
CD Deutsche Grammophon [www.universalmusic.com] 0028947658252

Dabei bringt er einen Komponisten wieder ins Gespräch, den Viele schon zu denen gezählt haben, die nur durch Maestro Segovias Gnaden noch in Wikipedia zu finden ist: Federico Moreno-Torroba. Er, heißt es allenthalben, sei heute unbekannt, wenn er nicht für Segovia Gitarrenstücke geschrieben und er, Segovia, sie nicht weltweit vorgeführt hätte. Aber, notabene, Federico Moreno-Torroba Ballesteros (1891–1982) hatte schon vor Segovia eine Karriere und zwar als Komponist von Opern und vor allem zahlreicher Zarzuelas, von denen „Luisa Fernanda“ seine populärste war und ist. Am 26. März 1932 ist sie im Teatro Calderón in Madrid uraufgeführt worden und hatte sofort großen Erfolg. Mit dem spanischen Bürgerkrieg, beginnend 1936, ist die Zarzuela aber ganz aus dem spanischen und dem internationalen Repertoire verschwunden. Die Idee, sie als eine Art „opera nacional“ zu etablieren, war längst aufgegeben, ihre plüschige Dekadenz wurde als anachronistisch abgelehnt. Dabei gab es Zarzuelas schon seit dem 17. Jahrhundert. Pedro Calderón de la Barca (1600—1681) schrieb 1657 und 1658 zwei Bühnenwerke, die als Zarzuelas benannt waren und die im Palacio Real de la Zarzuela in Madrid aufgeführt wurden. Der spanische Begriff „Zarzuela“ bedeutet eigentlich „Brombeersträuchlein“ und leitet sich vermutlich daraus ab, dass das Theater, wo die neuen Singspiele aufgeführt wurden, von solchen Sträuchern umgeben war. Die Zarzuela war zunächst eine Art Volkstheater-Stück und wurde teils gesprochen und teils gesungen. Ihre Thematik war oft ländlich-pastoraler Art.
Im 19. Jahrhundert wurde eine „Zarzuela Grande“ entwickelt, die sich näher an die Oper anlehnte. Die Franzosen im Tross Napoleon Bonapartes hatten die Französische Oper mit ins Land gebracht, die italienische Oper beherrschte ohnehin die europäischen Bühnen … neue Zarzuelas entstanden, die einerseits an italienischen Vorbilder orientiert waren, andererseits die folkloristischen Einflüsse der älteren Zarzuela weiterführten. Sie waren meist dreiaktig.

Gleichzeitig entstand eine neue Form der Zarzuela, der „Género chico“, eine einaktige Form. Die „Zarzuelas chicas“, wurden in Madrider Theatern im Stundentakt gegeben und wurden daher auch „teatro por horas“ genannt. Sie behandelten und karikierten Themen des täglichen Lebens und sprachen mit ihren eher einfachen textlichen und musikalischen Formen einfachere Menschen an. Niedrige Eintrittspreise sorgten dafür, dass sie von jedermann gesehen werden konnten. „Zarzuelas chicas“ entstanden zu Hunderten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden wieder Zarzuelas, die eher der „Zarzuela grande“ verpflichtet waren, das heißt der mehrsätzigen, anspruchsvolleren Zarzuela des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Zu ihnen zählen die Werke von Federico Moreno-Torroba, die jetzt durch Plácido Domingo eine ungeahnte Renaissance erfahren. Denn bei allen Bemühungen nach dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg, die Zarzuela am Leben zu erhalten oder ihr neue Leben einzuhauchen – sie war von den Bühnen verschwunden. Ihre romantisierende Leichtigkeit, die zu Beginn des Jahrhunderts noch eine Chance zu haben schien, sie war nach den Kriegen nicht mehr gefragt.
Nun ist eine Einspielung von „Luisa Fernando“ erschienen und in Salzburg hieß es im Jahr 2007 sogar „Placido Domingo rettet die Salzburger Festspiele“. Er hatte, zusammen mit Ana María Martínez, dem Mozarteum-Orchester, Salzburg und dem Dirigenten Jesús López Cobos einen spanischen Abend angesagt, der hier nun als DVD vorliegt. Arien, Duette aus Zarzuelas, dazwischen einige orchestrale Hispanismen von Manuel de Falla oder Jerónimo Giménez Bellido (1854—1923). Einige der Nummern aus Luisa Fernanda“ finden wir hier wieder, überhaupt einiges von Moreno-Torroba.
Dass das Salzburger Publikum diesen Konzertabend so frenetisch gefeiert hat, und das hat es, liegt sicherlich weniger an dem Namen Federico Moreno-Torroba, den vermutlich die allermeisten Besucher des Konzerte nie vorher gehört hatten und auch nicht daran, dass Nummern aus Zarzuelas dargeboten wurden, die wahrscheinlich die Meisten, wenn überhaupt, für Fischsuppen gehalten hätten … nein, es war der Tenorissimo Plácido Domingo, den die Salzburger Schickeria seit Jahren als ihr Eigentum betrachtet und um dessen begnadete Stimme sie sich sorgt. Gesorgt hat, denn die Gerüchte, er werden bald seine Karriere beenden (müssen), sind verstummt.
Am Schluss des Hauptprogramms steht „En mi tierra extremameña“ aus Luisa Fernanda“, ein wirklich anrührendes Duett, hinreißend dargeboten und vom Publikum … tja … mit Jubel und nicht enden wollenden Standing Ovations gefeiert und quittiert. Vier Zugaben, die letzte davon “Lippen schweigen“ aus der „Lustigen Witwe“ von Franz Léhar, dem österreichischen Komponisten von Zarzuelas … pardon … Operetten.
Die beiden Produktionen rund um die Zarzuela sollte man sich nicht entgehen lassen. Nicht nur, dass wir hier ein mal Federico Moreno Torroba mit gänzlich anderem Repertoire hören können. Wir erlangen auch Erkenntnisse über die spanische Musik zu einer Zeit, als ein Hauptbestandteil unseres Gitarrenrepertoires entstanden ist. UND: Es ist einfach beschwinglich, gute Musik, die keine Grübelfalten auf die Stirn zaubert. Ist gelegentlich auch erlaubt!

Was neue Aufnahmen mit Gitarrenmusik von Moreno-Torroba angeht, hier, in Gitarre & Laute ONLINE XXXI/2009/Nº 1 finden Sie Informationen und Bewertungen.

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